Financial Times Deutschland: SAP ist es sich wert

16. Mai 2010

Trotz eines üppigen Kaufpreises hat der Markt SAP für die Sybase-Übernahme nicht abgestraft. Zu recht, denn SAP kauft einen Qualitätsanbieter einer Technologie, an der bald kein Weg mehr dran vorbeiführt.

Das neue Führungsduo von SAP dürfte erleichtert ins Wochenende gegangen sein. Denn in einem nervösen Marktumfeld eine Übernahme bekannt zu geben, für die man eine Prämie von 56 Prozent auf den Vortageskurs zahlt, bei der weder auf der Kosten- noch auf der Ertragsseite unmittelbar Synergien winken - da hätte man durchaus mit Prügel von Anlegerseite rechnen können. Aber Donnerstag und Freitag zusammengerechnet hat SAP rund 2,5 Prozent verloren, während der Stoxx Technologie um 3,3 Prozent nachgab und der Dax um zwei Prozent. Woher diese Milde des Marktes?

Zunächst einmal hat sich SAP ein feines Unternehmen gesichert. Seit Jahren legt der Datenbankspezialist Sybase ein kontinuierliches Umsatz- und Gewinnwachstum an den Tag, welches der Aktie dazu verhalf, die Vergleichsindizes zu schlagen. Das jüngste Quartal war in jeder Hinsicht das beste erste Quartal in der Firmengeschichte, während die Ergebnisschätzungen der Analysten für das Jahr 2010 seit zwei Jahren immer nur nach oben korrigiert werden - anders als bei SAP.

Aber das rechtfertigt ja noch keinen Übernahmepreis von 24,4-mal 2010er-Ergebnis, von fünfmal Umsatz oder rund zehnmal Wartungsgebühren. Zwar zahlte SAP für Business Objects - ein erfolgreicher Kauf - mit ähnlichen Multiplikatoren, im Schnitt wurde in der Branche jedoch weniger gezahlt. SAP kauft sich mit Sybase ein gemischtes Dreierlei: Das eigentliche Objekt der Begierde ist Sybase Geschäft mit Mobilitätssoftware, also Lösungen, die es Mitarbeitern ermöglicht, auch über mobile Endgeräte auf Unternehmensanwendungen zuzugreifen. Hier war Sybase einer der Pioniere und 2008 mit 15 Prozent Marktanteil die Nummer zwei hinter RIM . Experten erwarten für dieses Geschäft über Jahre zweistellige Zuwachsraten, der Erfolg von RIMs Blackberry oder Apple s iPhone und iPad lässt die Dynamik dieser Technologie erahnen. Am mobilen Zugriff auf Betriebsanwendungen wird wohl bald kein Weg mehr vorbeiführen, diesen Trend darf man nicht verpassen.

Als stabilisierendes Beiwerk kauft sich SAP Sybase Wartungseinnahmen, die mit 0,6 Mrd. $ für die Hälfte des für 2010 erwarteten Umsatzes stehen. Sie dürften mit ein Grund dafür sein, dass SAP den Kredit in Höhe von 2,75 Mrd. $ für 2,4 Prozent fast hinterhergeschmissen bekommt. Bleibt als dritte Komponente Sybase Kerngeschäft mit Datenbanken. Es ist für 70 Prozent der Einnahmen verantwortlich und ein zweischneidiges Schwert für SAP. Schließlich ist SAP generell datenbankneutral, der Großteil der Anwendungen läuft auf Oracles Datenbanken. Ob sich SAP, wie bereits mit seiner In-Memory-Technologie geschehen, hier langsam von Oracle emanzipieren möchte, wird man wohl erst langfristig sehen.
Aufgrund bisheriger Erfahrungen deutscher Firmen mit Übernahmen in den USA müsste SAP eigentlich abgestraft werden. Doch nicht nur sind die Walldorfer mit ihrem größten Einzelmarkt bestens vertraut, auch lassen sie Sybase zunächst an der langen Leine, der anerkannte Vorstand bleibt an Bord. Für die Positionierung in diesem wichtigen Markt über eine Qualitätsfirma ordentlich in die Tasche gegriffen zu haben, ist langfristig überzeugend. Und die Anleger haben gezeigt, dass sie nicht nur in Quartalen denken können.

(Quelle: Financial Times Deutschland)

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